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LARS BEUSKER

NEW RELEASE

TOLSTOY

Im Jahr 1971 wurde im Schatten des Kilimandscharo ein Elefant geboren. Er wuchs im Schoß seiner Familie auf und entdeckte das Amboseli Ökosystem, das 51 Jahre lang sein Lebensraum sein sollte. Der kleine Bulle wuchs heran und wurde zu einem der bekanntesten Elefanten der Welt. Mit seinen enorm großen Stoßzähnen, die das Gras unter seinen Füßen wegfegen, ist Tolstoy ein lebendes Naturwunder und einer der letzten Big Tuskers unserer Erde. Er überstand die Krise der Elfenbeinwilderei, verheerende Dürren, schrumpfende Lebensräume und den immer größer werdenden menschlichen Fußabdruck. Er ist ein Leviathan, eine Erinnerung an all das, was die Natur zu schaffen vermag.
Am Morgen des 26. April fanden wir ihn weit außerhalb des Parks, was wir nur den Rangern der Big Life Foundation und unseren Massai-Freunden zu verdanken hatten, die bereits seit Tagen für uns als Späher unterwegs waren. Er graste entspannt und war wie immer außergewöhnlich friedvoll, ja beinahe liebevoll. Ich verbrachte eine ganze Stunde mit ihm. Er erlaubte mir bis auf 5 Meter an ihn heranzukommen und mit ihm zu verweilen. Es kam mir vor, als würde er geradezu für mein Portrait posieren. Abwechselnd saß oder hockte ich auf dem Boden. Ich wählte mein 50 Millimeter-Objektiv, das ihn darstellt, wie unsere Augen ihn live sehen – kein Weitwinkel-, kein Teleobjektiv.
Nachdem der Kilimandscharo tagelang in dichte Wolken gehüllt war, zog er an
diesem Morgen auf und strahlte mit Marvenzi und Kibo in der Morgensonne – eine perfekte Komposition mit allen drei typischen Stilmitteln für ein malerisches Afrika-Bild: der Tortilis Baum, der mächtige Vulkan und in seiner Mitte zwischen zwei Gipfeln eine Ikone unter den Elefanten. Eine einzigartige Gesamtsituation, die es so nie wieder geben wird – Tolstoy unter dem Dach Afrikas.
Wir scheinen immer wieder zu vergessen, dass die Tiere schon tausende Jahre vor uns Menschen auf der Erde waren – aber wir sind es, die immer mehr ihren Lebensraum beschneiden und sie bewusst lebensgefährlich verletzen, nur weil sie z.B. wie Tolstoy in die Farm-Lands kommen, in denen Bauern die Äcker bestellen und um ihren Ertrag bangen.
Als ich am nächsten Tag von seinem Tod erfuhr, konnte ich es nicht fassen und war zu tiefst erschüttert. Das Bewusstsein darüber, dass ich sehr wahrscheinlich der letzte war, der Tolstoy lebend und in dieser atemberaubenden Stimmung der Natur erleben durfte, hat mich sehr berührt. Auf der anderen Seite jedoch fühle ich mich privilegiert und umso mehr geehrt von dir, Tolstoy, dass du mir diesen Moment geschenkt hast – ich werde deine Geschichte und dieses wunderschöne Portrait in die Welt tragen – R.I.P. Tolstoy.

THE STORY BEHIND "TOLSTOY"